Aufmerksamen Lesern meiner Arbeiten ist sicherlich mein Fachbericht über die Entstehung von frühkindlich erworbenen Neurosen und der damit verbundenen Persönlichkeitsentwicklung und Persönlichkeitsstärkung bekannt. Diese setze ich hier voraus. Darüber hinaus habe ich an anderer Stelle über die Entwicklung der Kinder, die sich einmal entschieden haben, auf dem entmutigten Weg in ihrem Kampf um die Rolle innerhalb der Gesellschaft bzw. ihrer Primärfamilie, ihr Glück zu versuchen, hingewiesen. Ich habe aufgeführt, wie Kinder versuchen, ungebührliche Aufmerksamkeit einzufordern, um Geltung zu erreichen. Im Falle der gewaltsamen Unterdrückung durch Eltern und Erziehungsberechtigte kommt es dann oft zu der nächsten Stufe, die sich in einem Machtkampf zwischen Eltern und Kind manifestiert. Das so „gezüchtigte“ Kind wird nun mehr und mehr in der intrapsychischen Meinung bestärkt, nur durch Überlegenheit Macht und Geltung zu erlangen. Oft weckt man bei den betroffenen Kindern einen regelrechten „Machthunger“. Ein Kind in dieser Situation ist natürlich inwendig nunmehr tief entmutigt. Diese tief empfundene Entmutigung bezieht sich auf die Annahme, nicht innerhalb der Gesellschaft oder auf gesellschaftsdienliche Weise zu Geltung und Anerkennung zu gelangen. Diese Kinder haben sich oft schon mit der Rolle des „schlechten“ Kindes arrangiert. Sie nehmen diese Rolle billigend als Kriegskosten in ihrem Kampf um Geltung, den sie nun immer weniger glauben, auf dem guten Wege erreichen zu können, in Kauf. Es entwickelt sich in dieser Folge nicht selten als nächste Stufe dieses neurotischen Weges ein verstärkter Machtkampf zwischen Eltern und Kind. In dessen Verlauf versucht jede Seite die andere zu unterdrücken. Es entwickelt sich ein Kreislauf zwischen Verletzung, Bestrafung, Revanche, Vergeltung und Wiedervergeltung. Das Kind wird nun mehr und mehr in dem Glauben bestärkt, nicht liebenswert zu sein. Vergeltung wird nun zu einem der wenigen übrig gebliebenen Mittel, sich wertig zu fühlen. Es ist unglaublich wichtig in dieser Phase, Verständnis für das Kind aufzubringen. Man gerät nur allzu leicht in die Situation, selber zu glauben, das Kind sei schlecht oder bösartig. Jeder gewaltsame Ausbruch, der nun folgt, wird das Kind tiefer in dem oben beschriebenen Teufelskreis verwurzeln. Jede Bestrafung wird dem Kind eine weitere Bestätigung für seine Schlechtigkeit geben.
Dr. Dirk De Souza
Fachtherapeut für Psychosomatik
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